Meshell Ndegeocello: Von Seelenverwandtschaften und Kampfeszonen

Rudolf Amstutz02-19-20264 min. Lesedauer

Meshell Ndegeocello ehrt auf ihrem jüngsten Meisterwerk «No More Water» das Vermächtnis von James Baldwin und verwandelt es in einen eindringlichen Kommentar zum gesellschaftlichen Wandel und Widerstand.

2. August 2024: An diesem Tag feierten die USA den 100. Geburtstag von James Baldwin (1925–1987). Einen besseren Tag hätte sich Meshell Ndegeocello nicht aussuchen können für die Veröffentlichung ihres neuen Albums «No More Water: The Gospel of James Baldwin». Feiern wollte dies die Bassistin, Komponistin und Bandleaderin mit einem Konzert im Rahmen von «Celebrate Brooklyn!». Das sommerliche und für das Publikum kostenlose Open Air im Brooklyner Prospect Park wäre der ideale Ort für die Plattentaufe gewesen. Doch kurz vor Konzertbeginn verdüsterte sich der Himmel bedrohlich und schon bald wurde zur Evakuierung des Geländes aufgerufen. Der Himmel kannte keine Gnade: Sintflutartig ergoss sich der Regen über New York – und ausgerechnet Wasser machte die Geburt eines neuen Albums mit dem Titel «No More Water» zunichte.
Der Albumtitel ist dem Zweizeiler entnommen, den James Baldwin seinem Essayband «The Fire Next Time» vorangestellt hatte: «God gave Noah the rainbow sign / No more water, the fire next time!» Das Zitat stammt aus einem alten Spiritual und greift die unheilvollen Prognosen auf, die Baldwin im Buch schildert. Dass Baldwin heute zu den bedeutendsten Stimmen der US-Literatur gehört, liegt auch daran, dass seine Beschreibungen von Rassismus und Homophobie auch Jahrzehnte später nicht an Relevanz verloren haben. Darüber hinaus vereinen sich in der Eloquenz seiner Sprache neben Leidenschaft und Witz ein Scharfsinn sowie eine Musikalität, die ihresgleichen suchen.Zudem gibt es von Baldwin Zitate, die der Musik eine höhere Wirkung auf die Gesellschaft zuschreiben als der Literatur. Er bezeichnete sie sogar als die höchste Form der Kommunikation. Kein Roman, so Baldwin, könne mit der Freude eines Louis Armstrong oder mit der Traurigkeit einer Billie Holiday mithalten. Man darf also annehmen, dass Baldwin Ndegeocello seinen tiefsten Dank aussprechen würde für die Art und Weise, wie auf «No More Water» seine prophetischen Worte genutzt werden, um ein klares, zugleich verstörendes wie hoffnungsvolles Statement abzugeben.Das Album ist eine Weiterführung dessen, was Ndegeocello 2016 begann, als sie eine Produktion für die «Harlem Stage» realisierte. «Can I Get a Witness?» war eine Kombination aus Musiktheater, Lesung und Tanz – eine künstlerische Annäherung an Baldwins Universum aus unterschiedlichen Perspektiven. «No More Water» funktioniert ähnlich. Über 77 Minuten wandelt man durch die afroamerikanische Geschichte mit all ihren Facetten. Stilistisch bleibt sie ihrem Ansatz treu, den sie bereits auf ihren früheren Alben gemacht hat und insbesondere dem direkten Vorgänger «The Omnichord Real Book» von 2023 verfolgt hat. Jazz und Soul, R’n’B, Gospel und Funk verschmelzen zu einem mehrschichtigen Porträt der schwarzen US-Bevölkerung. Mit satten Bassläufen und ihrem unverkennbaren Tenor führt sie durch diese Predigt (Gospel), die abseits einer Kanzel ihrem Gegenüber auf Augenhöhe begegnet. Verspricht die Musik Hoffnung – auch dank der warmen Stimme von Justin Hicks –, so treffen die Worte oft und unvermittelt in die Magengrube. Dafür nutzt Ndegeocello sowohl Baldwins Worte wie auch die der Aktivistin Audrey Lorde und vermengt diese mit aktuellem Poetry Slang von Hilton Als und Staceyann Chin.In «Tsunami Rising» gibt es für die Hörerin, den Hörer kein Entrinnen, wenn Chin in aller Deutlichkeit den Kolonialismus und Rassismus mit immer heftigeren Worten so weit in die Gegenwart konjugiert, dass am Ende die Fratzen der politischen Rechten ihre Schatten auf den Text werfen. Chin kontert: «Let us use our fire to crack this ground wide open / With an uprising that they have never seen before / That they will never see again / That will never ever die down / No more water, the fire next time.»Trotz der Unmissverständlichkeit dieser Botschaft wird das Album nie zu einem Aufruf zur Gewalt. Ndegeocello kontert mit Musik, die von Humanismus, Betroffenheit und einer tiefen Sehnsucht nach einer besseren Welt beseelt ist. Und so folgt auf «Tsunami Rising» der Song «Another Country», in dem Zeilen wie «I would grant a pardon / Love is surely making me» zu hören sind.Die Reise endet mit «Down at the Cross» und der Frage «When I leave / Will it be better?» verbunden mit der Aufforderung, niemals aufzugeben: «Page by page / slowly break the spine / Until it is worn».«No More Water» ist Meshell Ndegeocellos 14. Album und ein Meilenstein in ihrer Diskographie. 1993 debutierte sie mit «Plantation Lullabies» auf Madonnas Label Maverick. Mit dem Hype um ihre Person und ihrer Mischung aus Fusion und Funk hätte damals einer kommerziellen Karriere nichts im Wege gestanden. Doch sie entschied sich anders – auch, weil sie sich selbst als anders empfand. So schuf sie aus verschiedensten stilistischen Einflüssen ihren eigenen Stil, der sie letztlich ans Ziel brachte: in James Baldwin einen Seelenverwandten gefunden zu haben.Rudolf Amstutz, Jazz’n’moreDieser Artikel erschien in der November/Dezember 2024-Ausgabe des Jazz'n'more.

Meshell Ndegeocello im Moods

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