From the Scene: Christian Zemp über Bauchgefühle, Entscheidungen und ihre Folgen

Christian Zemp02-23-20269 min. Lesedauer

Im Format «From the Scene» kommen Musiker*innen aus dem Moods-Kosmos zu Wort. In der aktuellen Ausgabe erzählt Christian Zemp von Sc'ööf über seine wichtigsten Entscheidungen.

Während ich an diesem Blog-Eintrag schreibe, liegt draussen richtig viel Schnee. Und meine allerliebste, vier Monate alte Tochter schläft draussen im Garten. Warm eingepackt im Kinderwagen macht sie einen langen Nachmittagsschlaf, nachdem wir in dauergrinsendem Zustand miteinander das Sound-Repertoire der menschlichen Stimme und das Rollen von Rücken- zu Bauchlage erforscht haben. Die Werkzeuge, die ich gerade zurückgebracht habe – die hier in meiner Nachbarschaft in einer Gartenkolonie am Stadtrand von Kopenhagen mit genauso herzlicher Selbstverständlichkeit einander ausgeliehen werden, wie ein offenes Ohr, eine helfende Hand oder die Sojasauce, die grad fehlt fürs Znacht mit der Tochter, die schon unterwegs nach Hause ist – haben mir sowohl ermöglicht, den Boden meines kleinen Atelier-Häuschens zu isolieren, als auch die Szenographie für mein Plexiglas-Performance-Projekt kontrollør in der eigenen Werkstatt zu bauen. Ich sinniere gerade über den Projektentwurf für die Fortsetzung meiner transdisziplinären, somatischen Solo-Performance, die an einem Festival in Kopenhagen nächsten Herbst Premiere feiert. Momentaner Arbeitstitel: «How to Utopia – A Requiem for Our Habits».Mein Grundgefühl: glücklich, warm ums Herz, zufrieden. Und da ich auch hier aus aller Welt die schmerzhaften Folgen eines scheiternden Kapitalismus, zunehmender Polarisierung, patriarchaler und machtbesessener Strukturen mitbekomme, lebt dieses Grundgefühl in friedlicher Koexistenz mit Überforderung, Erschöpfung, Wut, Veränderungswille, dem Glauben ans Zusammen, an Utopien, die Neugier, die Freude.Und zum Anlass dieses Blogs frage ich mich:Wie bin ich eigentlich genau hier gelandet?Ich bin wahrscheinlich nicht die einzige Person, die mit Entscheidungen manchmal so ihre liebe Mühe hat. «Gab es in deinem Leben nicht auch so ein paar Momente von wichtigen Entscheidungen, in denen du einem so starken inneren Streben gefolgt bist, dass dieses Bauchgefühl geregelt hat, wo’s lang geht?», hat mich letzthin Yann Coppier gefragt. Ich will die Anfrage, etwas über mich als Künstler und Mensch zu erzählen, gerne anhand von ein paar dieser Entscheidungsmomente beantworten:Da war dieses Gefühl nach dem Abschluss des Gymnasiums: eine überdimensionierte Portion Neugier, eine gewisse Langeweile mit dem Gewohnten der Schweiz, der Kultur, in der ich aufgewachsen bin. Gekoppelt mit einem unstillbaren Verlangen nach Andersartigem. Das romantische Sehnen nach einem naturverbundenen, simplen Leben und das Verlangen in anderer Umgebung etwas über meine Wurzeln, die wohl über vielzählige Generationen zurück in Entlebucher Bauernfamilien liegen, herauszufinden, trieb mich in die Mongolei. Ich stieg als 19-Jähriger, mit Rucksack und Gitarre bepackt, allein in den Zug, sieben Tage später kam ich an. Vielleicht überflüssig zu sagen, dass das Erlebnis, mich zwei Monate lang in endlos scheinenden Weiten von Steppengras vor allem auf eine aufrichtige Neugier und gegenseitige Verbundenheit zu verlassen (die Sprachkenntnisse habe ich knapp bis zum Niveau einer 2-Jährigen geschafft), mich nachhaltig geprägt hat. Der Obertongesang, mit dem ich meine Tochter in ihren ersten Lebenswochen fast ausnahmslos in den Schlaf begleitet hab, ist als kleines, tief eingenistete Nebenwirkung gerade kürzlich wieder aufgetaucht.Oder dann später, als ich mich nach einem Jahr Vorstudium an der Jazzschule doch für ein Medizinstudium entschieden habe, und dann, noch im ersten Studienjahr, mich im Streamlined-Problem-Solving-Denken zunehmend unwohl fühlend, am Unisport in Bern Feldenkrais-Gruppenlektionen entdeckt habe. Die Entdeckung, dass man in dieser faszinierenden Methode eine Ausbildung machen kann und sich dort so viel ungeahnte Entdeckungs-, Denk- und Handlungsräume auftun, war die Basis der nächsten grossen Entscheidung: Ich schrieb mich für die vierjährige Feldenkrais-Ausbildung ein und entschied kurz darauf, gleichzeitig in Luzern Gitarre zu studieren. Die Erfahrungen als improvisierender Musiker bereichern meine Feldenkrais-Praxis auf vielen Ebenen – und die jahrelange Vertiefung und Weiterbildung in der Feldenkrais-Methode bietet inzwischen den wichtigsten Nährboden für meine künstlerische Praxis, in der die beiden Gebiete zunehmend verschmelzen.Zehn Jahre habe ich in Luzern verbracht. Die Bands Sc'ööf und Tanche, das Kollektiv Club Dänemark. Selbst Proberäume bauen, Veranstaltungen organisieren. Dem Bedürfnis folgend, mit Kontinuität zu arbeiten, mit den Menschen um mich herum etwas aufzubauen, Dinge im Kleinen zu bewegen. Und es war nicht die Ambition, daran etwas zu ändern, die mich dann vor inzwischen fast drei Jahren dazu bewegt hat, mich für ein Postgraduate-Studium am «Rhythmic Music Conservatory» in Kopenhagen zu entscheiden. Es war wieder ein nicht mehr zu ignorierendes Verlangen nach Veränderung, Andersartigkeiten, Anderem. Bequemlichkeit und Gewohnheiten etwas entgegenzusetzen. Mehr ausserhalb meiner Komfortzone zu entdecken, mich selbst in einem neuen Umfeld neu zu finden. Und dann die Sache mit dem Spiegelbild… Länger am gleichen Ort zu leben und im gleichen Umfeld unterwegs zu sein, bedeutet oft auch, dass sich Mitmenschen ein Bild machen voneinander – und dieses Bild zurückspiegeln. Diese Dynamik habe ich oft als etwas Konservierendes wahrgenommen. Die Erwartung, gleich zu bleiben, der Glaube, einander zu kennen, all dies hemmt die Möglichkeit, sich zu verändern, manchmal erstickt sie sie sogar. Ich spürte den starken Drang als eigenständiger Künstler, ausserhalb von Band- und Kollektiv-Kontext, neue Wege zu erforschen. Meine vielseitigen Interessen in meinen künstlerischen Ausdruck zu integrieren. Und das Bedürfnis, dies in einem Rahmen zu tun, in dem Veränderung, Forschen und Suchen willkommen sind.Obwohl am Anfang der Entscheid, wie lange ich in Kopenhagen bleiben werde, noch nicht definitiv war, hat sich sehr schnell ein befreites Grundgefühl eingestellt. Auch hier machen sich die Leute selbstverständlich ein Bild von mir. Aber es ist erstmal das aktualisierteste, das es von mir gibt. Eine schöne Entdeckung für mich, eine Autonomie und Freiheit darin zu sehen: Ich kann auch selber mitbestimmen, worüber ich mich definiere. Wenn du von noch Unbekannten gefragt wirst, wer du bist und was du so machst, ist dies eigentlich eine Chance, jedes Mal etwas anderes zu antworten – stimmig mit was sich gerade passend anfühlt. Definiere ich mich über meine Vergangenheit, meine bisherigen Ausbildungen, meine bisherigen Projekte (und wenn ja, welche?) oder vielmehr über meine aktuellen Interessen, Ansichten und Ambitionen für die Zukunft?Der Rahmen für das zweijährige Advanced Postgraduate Diploma «Artistic Research» am RMC hätte zu diesem Zeitpunkt nicht passender sein können, um mit wenig Lärm von Aussen (ja in Dänemark gibt es quasi ein staatliches Grundeinkommen für Studierende) tief in mein Projekt einzutauchen. Meine Hauptmotivation war es, ein neues Format für meinen künstlerischen Output zu erforschen, das meine Entdeckungen, Prinzipien und Erfahrungen aus der Feldenkrais Methode, meinen musikalischen Background und meine Affinität zu diversen Multimedia -Technologien miteinander vereinbart.«Mit deinem Körperbewusstsein, deiner Erfahrung in Bewegungsabläufen und den Zusammenhängen aus der Feldenkrais-Methode sehe ich dich genauso auch als Tänzer», sagte Gabriele (ehemals Tänzer beim Luzerner Theater, jetzt beim NDT in Den Haag) während einem gemeinsamen Projekt zu mir. Bam! Da war es, das Bild von Aussen, das mir meine eigenen Scheuklappen, mein eigenes Kategoriendenken und meine eigene innere Bremse aufzeigte. Dafür bin ich ihm heute noch dankbar.Mich und mein Projekt tatsächlich ausserhalb von Genre-Kategorien zu denken hat mir geholfen, mein Forschen mit Bewegung und Tanz genauso ernst zu nehmen, wie das Arbeiten an Musik und an der Gitarre. Der Arbeit mit einem Bewegungssensor genauso viel Aufmerksamkeit zu schenken, wie der Recherche zu Metathemen und Kontext. Jede kleine, absurde Idee ernst zu nehmen und weiterzuverfolgen, vor dem Verwerfen irgendwo ein Hasenloch runterzukriechen, die Ressourcen suchen, um weiter zu graben und mich Wochen später irgendwo an einem unerwarteten Ort wiederzufinden. Und vor allem: Gar nicht erst versuchen, diese Ideen ganz alleine auszubrüten, sondern vom Anfang an den Prozess mit Peers und Expert:innen zu teilen. Den Dialog suchen mit Referenzen, mit kritischen Fragen und wertvollen Spiegelungen von Aussen. Werte, die am RMC gelebt werden und die mein Arbeiten nachhaltig geprägt haben. Aus Mitstudierenden und Freund:innen ist eine Community gewachsen und einige meiner selbst gewählten Coaches sind auch nach Abschluss Kollaborations-Partner:innen geblieben. (Siehe zum Beispiel der grosszügige und geniale Musiker, Programmierer und Forscher Rodrigo Constanzo, der mir für die nerdigsten Fragen zu Max Patches immer noch zuverlässigen, persönlichen Rat gibt und mich für seine YouTube-Serie play-talk-play nach Porto eingeladen hatte oder die herzensgute und super erfahrene Tänzerin und Choreographin Kitt Johnson, mit der ich auch nach dem Abschluss einen Austausch von Feldenkrais-Einzelstunden und Projekt Coachings weiterführe).
Ich fühl mich glücklich, dass es mir gelungen ist, meine Praxis auszuweiten in Bereiche, in denen ich Dringlichkeit, Relevanz und Freude am Entdecken spüre. So kam es, dass ich mich zwei Jahre nach dem Aufbruch ins Ungewisse und viele unerwartete Entdeckungen später angenehm weit weg von meinem Ausgangspunkt wieder gefunden habe. Meine Abschlussperformance «How to Decentralize Your Brain in 527 Simple Steps» ist zu einer einstündigen Kollektion aus fünf verschiedenen Solo-Performance-Stücken gewachsen – von einem Intro für Füsse mit mittels Xbox-Controller live prozessierter Stimme zu einem Spatial-Audio-Bewegungssensor-Stück für schwarze Ballone, den Tastsinn und die Körperwahrnehmung (THE.LESS.YOU.GRAB.THE.MORE.YOU.FEEL) über eine Feedback–Schatten–Typewriter-Performance (GHOST.WRITER), einem Stück für interaktiv programmierte Lichtorgel und E-Gitarre (ME.NOT.ME), zur abschliessenden Nebel-Lichttunnel-Bewegungssensor-Sound-Duft-Performance (IN.SIDE.OUT.SIDE.IN).
Und genauso dankbar bin ich dafür, dass mich durch diese Zeit von Neuentdeckungen auch die kontinuierliche Arbeit mit der Band Sc‘ööf begleitet hat. Seit inzwischen mehr als 10 Jahren im Kollektiv komponieren, Ideen entwickeln, wieder verwerfen, wieder verwerten. Unsicherheiten, Reibung aushalten, den individuellen künstlerischen Sprachen gerecht werden, Improvisation mit strengen Strukturen vereinbaren, durch eine kollektive Energie einen ansteckenden Kontakt zum Publikum schaffen. Und die Logistik, sich überhaupt als Band treffen zu können und zusammen zu proben. Eigentlich an und für sich schon ein antikapitalistisches Statement.
Meine neuste grosse Entscheidung: die Entscheidung für das Baby, das mich jetzt gerade wieder anlacht. Beim gemeinsamen Abwägen waren bei mir erstmal bekannte Sorgen da: Kann ich als Künstler für mein Kind genügend ökonomische Stabilität bieten? Wie gut ist mein Anspruch an mich selbst, als Vater bestmöglich für mein Kind da sein zu wollen, vereinbar mit meinem Leben als Künstler? Beziehungsweise: Werde ich mit dem Entscheid für ein Kind meine Ansprüche als Künstler runterschrauben müssen? Werde ich langweilig? Zieht mich ein Familienleben automatisch mehr in patriarchale Strukturen hinein?
Zum Glück hat sich auch hier das Bauchgefühl durchgesetzt. Und mit dem Bauchgefühl der Wille und das Vertrauen, dass meine Partnerin und ich diese Herausforderungen aktiv angehen wollen und als Team einen Raum schaffen, in dem unsere Werte, Träume und Hoffnungen den richtigen Platz finden.
Liebe kann so viel.Zum Schluss noch viermal «Sternstunde Philosophie» – diese vier Folgen empfehle ich gerne, sie haben mir einige gute Denkanstösse und Inspiration gebracht.
Danke SRF und bitte am 8. März einmal Nein zur SRG-Initiative. Danke!
Sorge statt Kapital (Jule Govrin) – bzw. für Dänischsprachige: das Buch «Underskud» von Emma Holten
Kunst oder Politik: Was rettet die Welt? (Sibylle Berg)
Wie kann nachhaltiges Mannsein gelingen? (Markus Theunert, Thobias Haber)
Paul Lynch – Schreiben in finsteren Zeiten (Paul Lynch)

Sc'ööf im Moods

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