From the Scene: Niculin Janett über die Ernsthaftigkeit der (Jazz-)Musik

Niculin Janett09-30-20262 min. Lesedauer

Im Format «From the Scene» kommen Musiker*innen aus dem Moods-Kosmos zu Wort. In der aktuellen Ausgabe schreibt Niculin Janett über die Ernsthaftigkeit der (Jazz-)Musik.

Meine sehr kulturinteressierte Grossmutter mag zwei Dinge nicht: Jazz, und (ganz schlimm) Blasinstrumente. Als Jazz-Saxophonist habe ich mit meiner Musik also einen schweren Stand bei ihr.Mitnichten möchte ich hier aber Grossmutter-Bashing betreiben. Ganz im Gegenteil. Die direkten und ungefilterten Kommentare von «Altinina», wie wir sie in der Familie liebevoll nennen, sind (fast) immer sehr lustig und erfrischend. Und in einer Musikerfamilie, wo in alle Stilrichtungen hin-musiziert wurde, gibt ihre extravagante Meinung zum Schaffen ihrer Nachkommen oft eine interessante und vor allem amüsante neue Perspektive.Ich sehe bis heute Altininas Aussage nach einem meiner Konzerte «hei, das war ja jetzt gar nicht mal so schlimm!» als eines meiner persönlichen Karrierehighlights. Ich trage einen gewissen Stolz in mir, dass ich bei ihr das Saxophon aus dem Status der «Persona non grata» in den Status «Erträglich» erheben konnte. Zumindest wenn sie es von mir gespielt gehört hat. Dass da eine gewisse parteiische Haltung existiert durch mein Enkel-Dasein, ist mir durchaus bewusst. Und trotzdem.Neben den gelegentlichen kritischen Abreibungen, welche einen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt haben, habe ich von diesen Erlebnissen mit meiner Grossmutter aber einen zentralen Punkt für mein Schaffen gelernt: Man sollte sich und seine Kunst nicht immer allzu ernst nehmen. 
Es ist ja weiss Gott kein Geheimnis, dass die Existenz als Künstler*in jeder Sparte kein Leichtes ist. Konstante Sorgen um Finanzen und künstlerische Integrität können unsereins den Schlaf rauben. Umso wichtiger finde ich es, bei der Ausübung der Kunst eine gewisse Leichtigkeit mitschwingen zu lassen.Insbesondere im Jazz scheint es mir entscheidend, die Komplexität oder Schwere der Musik ab und zu mit etwas Schalk aufzuweichen.«Was tust du da eigentlich genau?» – ein Gedanke, der mir ab und zu mal durch den Kopf geht, wenn ich wieder mal mitten in einer Improvisation voll tausenden von Tönen stecke.Ich habe dann das Bedürfnis, dem Abstrakten mit etwas Schalk zu begegnen. Sei dies ein lustiger Songtitel, oder eine ironische Zwischenansage. Für mich tut dies der Ernsthaftigkeit der Musik keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Sie gewinnt dadurch sogar an Validität.Ein schönes Beispiel hierfür (wenn auch nicht aus dem Jazz) sind Konzerte vom hiesigen Singer-Songwriter Tobias Carshey. Die Traurigkeit gewisser seiner Lieder könnte einen durchaus mal aus der Fassung bringen. Indem er aber dazwischen die absurdesten Stories (wahr oder erfunden) einstreut, löst sich eine potenziell angestaute Verzweiflung in einer wohligen Mischung aus Lachen und Melancholie auf. Ganz nebenbei entsteht dabei eine wundervoll direkte Verbindung zum Publikum.
Nun fällt es mir im Traum nicht ein, einen John Coltrane zu kritisieren, weil er mich mit «Love Supreme» nicht zum Lachen gebracht hat. Es gibt tausende Beispiele von Musiker*innen, die mich mit ihrer Musik ganz ohne die Existenz von Humor oder Ironie zutiefst berühren. Ist ja auch nicht jede*r ein Witzbold.Ich selbst aber brauche diesen Kontrast, damit meine eigene Kunst authentisch ist.

Niculin Janett im Moods

  • UNIT live!

    • Niculin Janett Quartet

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